Es geht die Post ab.

Sonntag, der 26.07.2015

Es ist 14.45 Uhr.
Wir, das sind ca. 1500 in gelb-schwarz gekleidete Frauen, stehen alle in einer Schlange an der Reinoldikirche in Dortmund.
Nein, es findet kein Heimspiel von Borussia Dortmund statt und es ist auch kein Super-Sonder-Ausverkauf bei Aldi. Hier findet der 2. Dortmunder Post Ladies Run statt. Je nach Können, Lungenvolumen und Wollen werden hier entweder 5 oder 10 Kilometer munter durch die Innenstadt gelaufen. Dies ist mein erster Lauf über 10 Kilometer mit anderen Läufern.

14:59 Uhr und 49 Sekunden – kurz vor dem Startschuss.
Der Countdown wird gezählt.
10
9
… mein Herz beginnt schneller zu schlagen.
7
6
5
… mein Adrenalin steigt.
3
… ich atme tief ein, spüre meinen Puls rasen. Die Welt scheint still zu stehen und sich gleichzeitig schneller zu drehen.
1
Los.
Der Startschuss fällt.
Die weibliche Masse, also ich meine die geballte Anzahl der Teilnehmerinnen, nicht meine überschüssigen Pfunde, kommt in Bewegung. Vor mir laufen die ersten Ladies los und auch ich gebe Gas. Angespornt durch den Jubel, die ganzen begeisterten Gesichter und die gut trainierten Läuferinnen vor und neben mir. Ich gebe immer noch Gas und merke viel zu spät, dass mein Tempo viel zu hoch ist. Das Einatmen fällt mir schwer, für das Ausatmen habe ich bereits keinen Atem mehr. … und ich bin erst bei Kilometer 2. Strategieänderung. Nicht mehr den anderen hinterher hecheln, sondern meinen eigenen Rhythmus finden, steht nun auf dem Plan. Langsam beruhigt sich mein Atem. Dafür das nächste Problem: Ein stechen in der rechten Seite. „Verdammt!“, denke ich und lächele gleichzeitig einem am Straßenrand stehenden Fotografen zu. „Ok, was mach ich hier eigentlich? Will ich gut aussehen oder will ich mit einer guten Zeit, lebend im Ziel ankommen?“ Ich entscheide mich für das Zweite. Gut aussehen kann ich noch an anderen Tagen. … falls ich das hier überstehe. Inzwischen bin ich bei Kilometer 4 angekommen, vorbei an all den schönen Geschäften, mitten durch die jubelnden Zuschauer am Straßenrand. Mir ist zwar das Lächeln vergangen und fürs Winken habe ich auch keine Kraft mehr, dennoch fühlt es sich irgendwie gut an. Bei Kilometer 5 beginnt die nächste Runde. Schon echt gemein, man läuft direkt an dem Ziel vorbei und weiß ganz genau, jetzt muss man die ganze Runde noch einmal laufen. … und mir ist bei einer samstäglichen Shoppingtour noch nie aufgefallen, das es in der Innenstadt tatsächlich die ganze Zeit über bergauf geht. Logisch betrachtet, ja nur in eine Richtung. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es ab Kilometer 6 nur noch aufwärts geht und zwar mit Gegenwind. Das macht das Ganze auch nicht leichter. „Soll ich aufgeben? Einfach hier unter dem Absperrband hindurch und um die  nächstbeste Ecke verschwinden? Jetzt? Jetzt! Ich kann nicht mehr! Ich will aufgeben. Meine verdammten Füße schmerzen, meine Seite sticht immer noch, ich bekomme kaum Luft und habe ich meine Füße schon erwähnt?“ Am rechten Fuß kann ich bereits eine dicke Blase spüren, wenn es nicht so weh tun würde, wäre es fast ein Gefühl, wie auf einem Gelkissen zu laufen, einem stetig wachsenden Gelkissen. Kilometer 7. Mein Kopf ist wieder frei, die Schmerzen sind zum Glück in den Hintergrund getreten und ich konzentriere mich auf die Leute, die am Straßenrand stehen und ihre Liebsten nach Kräften anfeuern. Kilometer 8. Nicht mehr weit bis zum Ziel. Ich laufe an einer Eisdiele vorbei, die entgeht mir natürlich nicht. Dort sitzen auch ein paar Zuschauer, nur dass sie es sich gemütlich gemacht haben, zusammen mit einem Spagetti-Eis und einem Bananen-Split. Wie in Zeitlupe ziehen die Bilder an mir vorbei, mit Zoom auf die Eiskugeln. Ich würde gerade alles für ein leckeres Eis geben. … und schon bin ich drei Häuser weiter. Kilometer 9. Von hier kann ich das Ziel hören, die Trommler in der Endkurve und die klatschenden Freunde, Verwandte und Bekannte. Das Ziel wartet. Ich sammele noch einmal meine letzten Kraftreserven und schalte einen Gang hoch zum Endspurt. Die letzten Meter. Die Glückshormone keimen in mir, sprießen, werden größer und das Glückgefühl explodiert nur so in mir beim Überschreiten der Ziellinie. Wie eine Mutter, die gerade ihr Neugeborenes zum ersten Mal in den Händen hält und sofort all die Schmerzen der Geburt vergessen hat, so sind auch meine Schmerzen vergessen und Luft bekomme ich auch wieder.

„War doch halb so wild.“, denke ich bei mir und überlege, ob ich nicht auch noch in Essen starte.
Es ist schon ein einmaliges unbeschreibliches Gefühl. Um mich herum nur fröhliche Gesichter.

Kurz nach dem Lauf hatte ich noch das Glück Lucy Diakovska, die Botschafterin des Post Ladies Run, zu treffen.
Sie belegte den stolzen 8 Platz und war schon wieder fit. Keine Ahnung wie sie das macht. Auf jeden Fall bekam ich ein Wort von ihr geschenkt: „Hund“. Ich weiß nicht, ob sie dabei an ihren kleinen Hund gedacht hat, aber ich musste sogleich an meinen eigenen „inneren Schweinehund“ denken, der den ganzen Lauf über nicht von meiner Seite wich. Nun liegt er lauernd in seiner Ecke und wartet auf die nächste Gelegenheit meine Motivation zu torpedieren. „Denkste.“, denke ich und lächle, nicht nur innerlich, sondern auch nach außen, denn heute bin ich die Siegerin. 🙂

Lucy

Danke für das sehr passende Wort und deine Geduld so kurz nach dem anstrengenden Lauf. Das war mein krönender Abschluss für dieses tolle Erlebnis.

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